EU fällt auseinander:-)

Im Interview mit zwei europäischen Zeitungen geizt Donald Trump nicht mit steilen Thesen. Die meisten sind nicht neu, doch bewusst ans transatlantische Publikum gerichtet. Seine kontroversesten - und gefährlichsten - Aussagen im Überblick.

Donald Trump hat am Wochenende wieder ausgiebig getwittert. Diesmal im Visier: Bürgerrechtsheld John Lewis, der scheidende CIA-Chef John Brennan und - abermals - die Sketchshow "Saturday Night Live", die ihn persifliert hatte.

Doch die dramatischsten Schlagzeilen machte der designierte US-Präsident diesmal nicht via Twitter. Sondern mit Hilfe zweier etablierter Zeitungen in Europa, der britischen "Times" und der deutschen "Bild"-Zeitung.

In dem gemeinsamen Interview der beiden Blätter erklärt Trump die Nato für "obsolet", sagt der EU einen schleichenden Tod voraus, bedroht BMW und kritisiert Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf den ersten Blick also lauter typische Querschläge.

Auf den zweiten Blick aber offenbart sich ein erstaunlich differenzierter Trump - und einer, der genau weiss, was er sagt und wem. Die kontroversesten Punkte im Überblick.

1. Ach, die Nato

"Die Nato hat Probleme. Sie ist obsolet." Der Satz aus dem Interview ging schnell um die Welt. Aber das ist ein alter Hut, ein Trump-Dauerbrenner.

Er selbst sagt in dem Gespräch, dass er diese Meinung schon lange offen vertritt: Die Nato sei zu alt, zu schwach und unfair, da die anderen Staaten keinen "fairen Anteil" für den Schutz durch die USA zahlten.

 

Trump, der sich wenig schert um die Lehren der Geschichte, sieht die Nato also bestenfalls als Kosten-Nutzen-Rechnung - und schlimmstenfalls als Hindernis für seine "Bromance" mit Wladimir Putin.

Ein Nato-Austritt der USA ist freilich selbst unter Trump nicht zu befürchten, so lange die Republikaner - die Partei Reagans und Eisenhowers - ihren Verstand nicht ganz verloren haben. Das versicherten auch einige von Trumps designierten Ministern bereits im Kongress unter Eid: "Wenn wir die Nato heute nicht hätten, müssten wir sie erschaffen", sagte etwa der künftige Pentagon-Chef, General a.D. James Mattis.

2. Europa? Welches Europa?

Irritierend lesen sich Trumps Sätze zur Europäischen Union. Wo Barack Obama Europa noch als historisches Projekt bezeichnet hatte und die Europäer emotional aufrief, zusammenzuhalten, scheint sein Nachfolger ein baldiges Auseinanderbrechen des Kontinents regelrecht herbeizureden: "Wenn Sie mich fragen: Es werden weitere Länder austreten."

Er lobt den Brexit, erklärt die EU zum Club auf Zeit, der unter der Fuchtel Berlins stehe, sät Zweifel an der Stärke des Euro und bezeichnet Jean-Claude Juncker, den Präsidenten der EU-Kommission, als "angenehm", ohne ihn beim Namen zu nennen.

Nach Ansicht Trumps scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die EU auseinanderbricht. Es klingt wie eine Wette: Trump sieht die USA als Firma. Von der Schwächung Europas verspricht er sich wirtschaftliche Vorteile für den eigenen Laden.

Ganz abgesehen von der Frage, ob das überhaupt eine richtige Annahme ist, sind seine Sätze politisch hochgefährlich. Den rechtspopulistischen Bewegungen Europas signalisiert er damit, dass sie künftig einen Verbündeten im Weissen Haus haben.

3. Die katastrophal grossartige Angela Merkel

Bild zu Donald Trump

Trump äussert sich ausführlich zur Kanzlerin. Wie? Nun ja... mal so, mal so: Einerseits nennt er ihre Flüchtlingspolitik einen "katastrophalen Fehler": "All diese Leute reinzulassen, wo auch immer sie herkommen." Da klingt er so plump und populistisch wie im Wahlkampf.

Auch sein Hinweis, er wolle Merkel und Wladimir Putin zunächst einmal mit dem gleichen Vertrauen begegnen, wird man im Kanzleramt nicht gerne hören. Andererseits lobt er die deutsche Regierungschefin und erklärt sie zu einer "grossartigen Anführerin", vor der er viel Respekt habe.

Zuckerbrot und Peitsche - das klingt wirr, aber aus Trumps Sicht ergibt die Doppelbotschaft Sinn: Wie auf vielen anderen Feldern will der 70-Jährige auch in der transatlantischen Partnerschaft mit Traditionen brechen.

 
Trump möchte Merkel erst mal zappeln lassen und ihr signalisieren, dass sie - nur weil er aus den USA kommt - nicht automatisch auf ein gutes Verhältnis setzen kann. Es ist eine nicht sehr subtile Drohung, sich notfalls anderen Partnern zuzuwenden.

4. Achtung, Autobauer

Es war sofort einer der meistzitierten Sätze des Interviews - gerichtet an BMW: "Sie können Autos für die USA bauen, aber sie werden für jedes Auto, das in die USA kommt, 35 Prozent Steuern zahlen."

Hintergrund: BMW plant ein Werk in Mexiko, um Wagen für Nordamerika zu produzieren. Die schnell als offizielle "Ankündigung" verbrämte, reine Androhung von Strafzöllen auf Importe in die USA ist freilich ebenfalls nichts Neues: Trumps sagt sowas bereits seit dem Vorwahlkampf und hat es auch in den letzten Wochen oft wiederholt, mal an die Adresse amerikanischer Firmen wie Ford und GM, mal an den japanischen Toyota-Konzern.

Wichtig: Zwischen Trumps Wahlkampfrhetorik und seiner - zumindest formulierten - Politik besteht offenbar kein Unterschied, sein Getöse vom letzten Jahr war nicht nur Getöse, sondern ernst gemeint. Wichtig aber auch: Er wird das kaum durchsetzen können.

Strafzölle müssen vom Kongress abgesegnet werden. Und da wird es schwer werden, genügend Republikaner zu finden, die einen Handelskrieg mit dem Rest der Welt riskieren wollen. Zumal Experten vorhersagen, dass dies nur zu höheren Autopreisen führt - und wachsendem Unwillen bei der Trump-Basis.© SPIEGEL ONLINE

 
Bild zu Donald Trump, Rede, USA
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